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Willingshausen beherbergt Europas älteste Malerkolonie

 

Benno Risch, der Generalsekretär der Vereinigung der europäischen Künstlerkolonien "EuroArt", überbrachte die Nachricht

 

 

Märchenhafte Zeiten in Willingshausen! Ludwig Emil Grimm wäre gewiss entzückt, könnte er beobachten, wie am Waldesrand des beschaulichen nordhessischen Ortes kunstsinnige Menschen mit Pinsel und Zeichenstift der Natur huldigen. Der Grimmsche Malerbruder ließ sich zu Beginn des 19. Jahrhunderts vom bäuerlichen Leben und der abwechslungsreichen Landschaft der zwischen Kassel und Marburg gelegenen Schwalm-Gemeinde bezaubern. Seine Märchen sammelnden Brüder Jakob und Wilhelm Grimm hatten in der Schwälmer Tracht ein Vorbild für ihr "Rotkäppchen" gefunden: Unverheiratete Frauen trugen seinerzeit nämlich bis zu ihrem 30. Lebensjahr eine rote Kappe.

Zusammen mit dem Kriegs-Heimkehrer Gerhardt von Reutern, der in der Völkerschlacht von Leipzig 1813 den rechten Arm verloren und deshalb seine militärische Laufbahn beendet hatte, arbeitete der Maler und Radierer Ludwig Emil Grimm seit 1824 im Willingshausener Wald nach dem Vorbild der berühmten Freiluft-Künstler von Fontainebleau. Die beiden Schöngeister gaben ein ebenso eindrucksvolles wie kreatives Gespann ab. Von Reutern, ein ausgebildeter Zeichner und Aquarellist, begeisterte sich für die Landschaft, das Leben und die Tracht der Schwälmer. Nach seiner Genesung hatte er sich 1814 in Willingshausen niedergelassen, wo er trotz der schweren Verletzung seiner Leidenschaft, der Malerei, frönte.

Ludwig Emil Grimm und Gerhardt von Reutern, der mit Goethe in Verbindung stand und dem Dichter Arbeiten aus seinem Atelier zur Beurteilung schickte, gelten als Begründer der Malerkolonie von Willingshausen. Über den genauen Beginn dieses künstlerischen Zentrums, das sich freilich nie als "Schule" verstand, gab es lange Zeit nur vage Vermutungen. Die meisten liefen auf das Jahr 1830 hinaus. Jetzt wurde das Rätsel offenbar gelöst. Bereits seit 1820 sollen sich Künstler regelmäßig in den Sommermonaten in Willingshausen getroffen haben. Herausgefunden hat das ein ausgewiesener Experte: Dr. Benno Risch, Generalsekretär der Vereinigung der europäischen Künstlerkolonien "EuroArt", die 1994 in Brüssel unter der Schirmherrschaft des Europäischen Parlaments und der Europäischen Kommission ins Leben gerufen wurde.

Bisher konnte sich das Dorf immer nur als älteste deutsche Künstlerkolonie rühmen. Risch war mit Willingshausen in Kontakt gekommen, nachdem der Ort im vergangenen Jahr erstmals an der EuroART -Ausstellung im französischen Barbizon teilgenommen hatte - mit zwei Gemälden des ehemaligen Stipendiaten Ulrich Harder. Das Künstlerstipendium wurde 1996 von der Sparkassen-Kulturstiftung Hessen-Thüringen, der Kreissparkasse Schwalm-Eder Art regio, dem Schwalm-Eder-Kreis und der Gemeinde Willingshausen eingerichtet.

Beliebt bei den Künstlern der Düsseldorfer Malerschule

Der Ort ist nicht nur die älteste europäische Künstlerkolonie: Rund 300 zum Teil sehr namhafte Künstler waren im Laufe vieler Jahrzehnte zum verträumten Maler-Ort an die Schwalm gepilgert - darunter etliche Vertreter der renommierten Düsseldorfer Malerschule wie der Landschaftsmaler Hugo Mühlig. Mit ihren Staffeleien ließen sich Hugo Mühlig, Ludwig-Emil Grimm, Jacob Dielmann, Otto Ubbelohde, Wolfgang Zeller, Wilhelm Thielmann oder Adolf Lins (auch als "Gänse-Lins" bekannt) im 19. und frühen 20. Jahrhundert vor alten Bauernkirchen, Fachwerkhäusern und Höfen, in Gärten und besonders gern am Waldesrand nieder. Nach dem Ausbruch des ersten Weltkrieges flaute das Interesse an Willingshausen dann allerdings spürbar ab. Das Malerstübchen war unterdessen in Völkers Gasthaus umgezogen.

 

Wer in Willingshausen arbeitete, feierte oft internationale Erfolge. Besondere Ehren heimste Ludwig Knaus (1829-1910) ein, der wohl bedeutendste deutsche Genremaler des 19. Jahrhunderts. Sein Gemälde "Goldene Hochzeit", das nach Willingshäuser Studien aus dem Jahr 1858 entstanden ist, war auf dem Pariser Salon zu sehen. Und für das ebenfalls nach Studien im Künstlerdorf gemalte Bild "Seine Hoheit auf Reisen", das auf der internationalen Frühjahrsausstellung in Paris gezeigt wurde, erhielt Knaus 1867 von Napoleon III. das Offizierskreuz der Ehrenlegion. Während seiner Willingshäuser Aufenthalte entstanden Hauptwerke wie "Das Leichenbegängnis in einem hessischen Dorf"(1871), "Die Geschwister" (1872) und "Die Beratung der Haunsteiner Bauern" (1873).

Das Jahr 2007 will die Malerkolonie zum "Carl Bantzer-Jahr" erklären mit Festwochenende und Bantzer-Ausstellung. Der in Ziegenhain geborene Künstler, der im August 150 Jahre alt würde, unterrichtete seit 1886 an der Dresdner Kunstakademie und kam in den Sommermonaten regelmäßig mit seinen Schülern zu mehrwöchigen Aufenthalten nach Willingshausen. Er malte Portraits von Schwälmer Bauern und Bäuerinnen. Sein Bild Schwälmer Jugend beim Tanz zeigte er erstmals 1898 auf der Internationalen Kunstausstellung im Münchener Glaspalast. Im Jahr 1900 war es auch im Deutschen Haus auf der Weltausstellung in Paris zu sehen.

Über seinen ersten Besuch in der Schwalm schrieb Bantzer: "Bei diesem mehrwöchigen Aufenthalt in Willingshausen, bei dem ich auch die nächsten Dörfer und ihre Bewohner sowie die schöne Landschaft kennen lernte, wurde mir klar, dass ich hier alles das finden würde, was zu schildern mir am Herzen lag". 1931 schlossen sich die Maler und Kunstfreunde Willingshausens zur Vereinigung Malerstübchen Willingshausen e.V. zusammen, die noch heute das Malerstübchen betreut. 1941 war Carl Bantzer zum letzten Mal in Willingshausen zu Gast, wo er auch seine letzten Figurenbilder, das "Willingshäuser Wasserwerk" und die "Waldlandschaft", malte. Nach Bantzers Tod (im selben Jahr in Marburg) waren die Tage der Willingshausener Künstlerkolonie gezählt.

Wiederbelebt vor 35 Jahren

Erst im Sommer 1972 lebte die Bewegung wieder auf, wurden in Willingshausen wieder Malkurse angeboten. Heute ist das Angebot äußerst vielfältig: Biele Emmenberger, ein ausgebildeter Medienberater, lehrt Computergrafik und Fotografie; die Keramikerin und Malerin Delia Henss bietet Kurse in Grafik und Malerei an; Kunsttherapeut Harald Wilke wurde für das Therapeutische Malen verpflichtet. Steinmetz und Bildhauer Lutz Lesch ist für die Bildhauerei zuständig, Johannes Schönert für das Malen und Zeichnen; ebenso wie schon seit vielen Jahren die in Bremen lebende Künstlerin Ulrike Schulte. Im Gerhardt-von-Reutern-Haus mit seinem als Museum dienenden „Malerstübchen“ unterrichtet Schulte ihre Schüler, die den Urlaub im Kurhessischen Bergland verbringen, beim Zeichnen mit Pastellstiften sowie beim Malen von Öl- und Aquarellbildern. Als Vorlagen dienen Postkarten, Fotos und natürlich die Natur, wo die Kursteilnehmer auf den Spuren ihrer berühmten Kollegen aus dem 19. Jahrhundert wandeln.

Sobald das Wetter mitspielt, schwärmen die Lehrer mitsamt ihren Schülern ins Freie aus. Dabei müssen die Künstler Vorsicht walten lassen: Direktes Sonnenlicht ist nämlich ebenso problematisch wie einsetzender Regen oder ein wolkenverschleierter Himmel. Rund 12 bis 15 geeignete Orte kennt Ulli, wie Kursleiterin Ulrike Schulte von ihren Schülern freundschaftlich genannt wird. Bei schlechtem Wetter arbeitet sie mit ihrem Kurs in einem großen, hellen Atelier im Gerhardt-von-Reutern-Haus. Im Mai 2005 wurde die Kunsthalle eröffnet, worin auch die Willingshausener Künstlerstipendiaten ihre Werke der Öffentlichkeit präsentieren. 2007 sind insgesamt acht Ausstellungen unter dem Motto "Tradition und Moderne" geplant.

Zwei Drittel aller Kursteilnehmer sind überzeugte "Wiederholungstäter". Beispielsweise die Österreicherin Inge, die bereits ein Dutzend Mal Willingshausen besuchte und auch schon Tochter Rosa und Enkelin Anita mitgebracht hat. Monika aus Köln, selbst Kunstlehrerin an einem Abendgymnasium in Siegburg, ist ebenfalls Stammgast bei Ulli. Wie Inge und Monika schwören auch die anderen Teilnehmer auf Ullis Fähigkeit, sich auf jeden einzelnen Hobbykünstler einzustellen und dessen individuelle Neigungen zu fördern.

Schwälmer Kartoffelwurst und "Platz"

Weil die Malerkolonie immer mehr kunstbegeisterte Urlauber nach Willlingshausen lockt, wurde das Kursangebot zuletzt nochmals ausgeweitet: Im Frühjahr 2006 etwa gab es reine Atelierkurse. Unterkünfte finden Künstler und Besucher in Privatpensionen, Gasthäusern und jetzt immer häufiger um die Ecke im Café "Gürre Stubb" (gute Stube). Dort verwöhnt Annemarie Kalbfleisch ihre Gäste mit typisch Schwälmer Küche, serviert Kartoffelwurst oder den leckeren "Platz" (einen Brotteig mit Petersilie, Kartoffeln, Zwiebeln oder knusprig-süßen Äpfeln), der jeden zweiten Freitag frisch aus dem Holzofen kommt.

Nicht nur die Kursteilnehmer wissen die Angebote des idyllischen Malerdorfs zu schätzen. Ein touristischer Blickfang ist etwa das denkmalgeschützte "Hirtenhaus" aus dem 17. Jahrhundert, die Residenz der Stipendiaten, die hier jedes Jahr drei Monate verbringen. Und wenn Anna Elisabeth Grein ihren Gästen von der traditionsreichen Schwälmer Weißstickerei erzählt, die hier seit Jahrhunderten gepflegt wird, dann hören selbst Männer gebannt zu und bestaunen die kunstvoll gearbeitete Leinenstickerei. Aus ganz Deutschland kommen Kenner und Liebhaber, um sich von der Weißstickerei-Institution Grein beraten zu lassen. Wie dieses Brauchtum auf der Straße auflebt, demonstriert die international gefragte Tanz- und Trachtengruppe Loshausen bei ihren Auftritten.

Der von Ludwig Emil Grimm mitbegründete Künstlerkreis schließt sich, wenn die Willingshausener Gäste einen Tagesausflug in die nahe Fachwerkstadt Alsfeld unternehmen. Anfang 2005 wurde hier in einem Gebäude aus dem Jahr 1628, das einst Chirurgen und Bürgermeister beherbergte, ein Märchenhaus eröffnet - mit Erzählraum, Märchenszenen und allem Wissenswertem über die Märchenbrüder Jakob und Wilhelm Grimm.

 

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