Künstlerstipendium Willingshausen

Die Willingshäuser Malerkolonie ist die älteste Malerkolonie Europas. Sie wurde um 1830 von Gerhardt von Reutern begründet und erlebte im 19. und frühen 20. Jahrhundert ihre Blütezeit. Zahlreiche namhaften Künstler wie z.B. Ludwig Emil Grimm, Carl Bantzer, Jacob Dielmann, Otto Ubbelohde, Wolfgang Zeller, Ludwig Knaus, Wilhelm Thielmann oder Adolf Lins verweilten in Willingshausen. An diese historische Tradition knüpft das Künstlerstipendium, welches seit 1996 durch die : Sparkassen-Kulturstiftung Hessen-Thüringen, SV Sparkassen-Versicherung, Kreissparkasse Schwalm-Eder, Art regio (Ein Kulturengagement der Sparkassenversicherung), dem Schwalm-Eder-Kreis und der Gemeinde Willingshausen getragen wird. Jährlich werden zwei Stipendien mit einer Aufenthaltsdauer von jeweils 3 Monaten im Malerdorf Willingshausen vergeben. 

 

Die Stipendiaten wohnen im denkmalgeschützten "Hirtenhaus" .Atelier und Ausstellungsraum bietet das künstlerische Zentrum des Gerhardt-von-Reutern-Haus mitten im Ort. Das Künstlerstipendium knüpft in eigener, innovativer Weise an die Künstlerkolonie an. Die Auseinandersetzung mit dem Ort und seiner Rolle in der Kunstgeschichte, die relative Abgeschiedenheit der ländlichen Region sowie unmittelbare Kontakte und Begegnungen mit kunstinteressierten Menschen sind besondere Merkmale dieses Stipendiums. Es unterstützt und fördert besonders begabte junge Künstlerinnen und Künstler, indem es einerseits gute Rahmenbedingungen für kreatives Arbeiten bietet, andererseits mit einer Ausstellung und einem Personalkatalog erstmals größere Öffentlichkeit herstellt und neue Möglichkeiten des Zugangs zu Sammlern, Galerien und zu weiteren Förderungen erschließt.

Künstlerstipendianten 2015

Marven Graf interessiert sich für Bilder, die ihr die Medien liefern, und sie fragt sich, wie sie mit ihren Bildern darauf reagieren kann. Dabei geht es ihr nicht um Medienkritik oder Aufklärung über die Macht der Medien, vielmehr ist sie fasziniert von der unglaublichen Wirkung dieser Bilder, ihren sozialpsychologisch (und ökonomisch kalkulierten) professionellen Strategien von Einflussnahme, ihrer komplex entwickelten Bildsprache und Ästhetik und – nicht zuletzt von ihrer Bedeutung als Instanz für die wesentlichen Begriffe von Wirklichkeit, Leben, Glück und Erfolg. Sie fühlt sich angesprochen und reagiert mit ihren Arbeiten in einer Art Selbstversuch.

 

Ausgangspunkt ihrer selbstbewussten und medienbewussten, immer auf ein Thema gerichteten Arbeiten ist eine genaue Beobachtung und eine umfangreiche Recherche. So nahm sie sich 2013/14 die Werbeanzeigen großer Mode-Labels vor und analysierte die Haut-Töne der Models. Sie stellte Farbtafeln aus nackter Foto-Haut her, monochrome Collagen. In altmeisterlicher Lasurmalerei ließ sie dann großformatige Gemälde entstehen, die jeweils einem Mode-Label gewidmet sind und erstaunliche Unterschiede in der Farbentscheidung offenbaren. Die scheinbar einfarbigen Flächen sind allerdings nicht bloß eine statistische Größe, sondern fangen an zu vibrieren, werden transparent wie die menschliche Haut und verführen den Blick zu einer körperlichen Wahrnehmung. Wie schon in ihren großformatigen monochromen Arbeiten von 2012, auf denen sie sehr pastos Haut-Töne angemischt hatte, geht es ihr immer auch um eine grundsätzliche Hinterfragung dessen, was Malerei heute kann und welchen Sinn sie macht.

 

Parallel dazu macht Marven Graf performative Selbstversuche. In der Ästhetik exklusiver Modefotografie ist sie ihr eigenes Model,  „verschönert“ mit Hilfe von transparenten Klebestreifen ihr Gesicht  (2012), schneidert sich hautenge Sportkleidung, deren Muster Schönheitschirurgen gezeichnet haben, um zu zeigen, wo etwas zu viel Fett ist oder die Haut gestrafft werden muss (2013). Diese Bilder sind weder „kritisch“ noch machen sie Angst, sie sollen – und das ist ihr wichtig – trotz des Themas ambivalent bleiben und sehr schön sein.

 

Marven Graf geht mit diesem Thema auch nach Willingshausen und ist neugierig auf die „Dorfschönheiten“ dort. Mit denen will sie ihr Stipendium verbringen.

 

Marven Graf, 1986 in Göttingen geboren, studierte 2008 bis 2013 Spanisch und Kunst für gymnasiales Lehramt. 2011 Auslandsaufenthalt in Salamanca, Spanien. 2014 schloss sie das Studium Bildende Kunst bei den Professor/innen Friederike Feldmann, Kerstin Drechsel und Bernhard Prinz ab. Sie lebt und arbeitet in Kassel.

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Susanne Wagner ist eine Performance-Künstlerin der besonderen Art. Denn sie bezweifelt grundsätzlich jedes Verhalten. Was ist ein Verhalten? Ein Nicht-festhalten-können? Oder sich falsch halten?  Und: Was brauche ich, um mich verhalten zu können, an Motiven und Fähigkeiten, an Kleidung, an Objekten, an Orten? Wie viel Zeit habe ich dafür? Gibt es ein Zu-früh oder Zu-spät?

 

Noch ungewöhnlicher für eine Performerin ist, dass Susanne Wagner eigentlich nicht selbst auftritt. Sie ist keine Aktionistin, wenn, dann lässt sie sich auftreten. So wie in den Arbeiten,  die sie unter dem Titel „Vom Zaudern“ zusammengefasst hat. Dort ist sie auf einer lebensgroßen Fotografie zu sehen, in einer Haltung, die genau an der Stelle fest- oder ausgehalten ist, von wo etwas ausgehen könnte – oder nicht wirklich etwas geht. Darüber eine Fotografie von einer Schale, die mit einer größeren Schale zugedeckt ist, so dass man nichts mehr hineinfüllen kann. Dazu ein Paar Damenschuhe vor einem geschlossenen Vorhang, die sich vertreten haben.  Dann ein Video von drei Schalen, die in äußerster Verlangsamung aufeinandergestapelt gerade fortzufliegen scheinen. usw. Nichts geschieht wirklich, aber alles hat eine Bühne und einen Auftritt.

 

Susanne Wagners jüngste Arbeiten beschäftigen sich mit Situationen der Unterstützung. Und auch hier ist wieder klar, es geht eigentlich mehr um das Bedürfnis nach Unterstützung – und die Unmöglichkeit, eine angemessene zu finden. Denn die Objekte, die sie sucht und dafür zu Verfügung stellt, von Schaumstoffblöcken, Kissen und Decken bis hin zu Geschirr und Möbelstücken, sind eigentlich unangemessen. Zwar schaffen sie im wörtlichen Sinne eine „unterstützte“ Lage auf der Bodenmatte, die zu einer meditativen Ruhe führt, sie lässt sich aber nicht lange aushalten – und bringt durch die seltsame Auswahl an „Unterstützern“  einen verschobenen Kontext in die mentale Verfassung der Probanden. So wird diese scheinbar sportliche Übung zu einer künstlerischen Figur, „in der sich wahrnehmungspsychologische, physiologische, emotionale, soziologische und philosophische Ebenen überlagern und sich immer wieder gegenseitig durchkreuzen“.

 

Susanne Wagner möchte während ihres Stipendiums darüber nachdenken, in welchen Bereichen und in welcher Weise Personen in Unterstützungskonstellationen und Abhängigkeiten eingebunden sind und welche skulpturalen Verhältnisse sie darin entwickeln.

 

Susanne Wagner, geboren 1983 in Trier, Absolventin der Kunstpädagogik und der Bildenden Kunst bei den ProfessorInnen Bernhard Prinz, Johanna Schaffer und Christian Philipp Müller an der Kunsthochschule Kassel. Sie lebt und arbeitet in Kassel.

 

 

 

Das Arbeitsstipendium in der Künstlerkolonie Willingshausen wird getragen von der Sparkassen-Kulturstiftung Hessen-Thüringen, art regio – einem Kulturengagement der Sparkassenversicherung, der SV SparkassenVersicherung, der Kreissparkasse Schwalm-Eder, der Gemeinde Willingshausen und dem Schwalm-Eder-Kreis. Es beinhaltet je drei Monate Arbeitsaufenthalt mit Atelier und Wohnung bei monatlich 1000 €, die Ausstellung der Ergebnisse der entstandenen Arbeiten in der Kunsthalle des Gerhardt-von-Reutern-Haus in Willingshausen und eine Unterstützung von je 5000 € für die Produktion eines Katalogs.

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Ansprechpartner :

Frau Rockensüß

Gemeinde Willingshausen

Tel.: 06691/963032

Unterstützt von :

Gemeinde Willingshausen
Sparkassen-Kulturstiftung Hessen-Thüringen
Sparkassenversicherung Hessen
Kreissparkasse Schwalm-Eder

 

 

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